We The People – Faulheit

2019
C-print, uv-print on passepartout, 60 x 50 cm

C. Rockefeller Center, Dresden

Vom permanenten scrollen lag er müde und gelangweilt auf seinem Bett. Er war erschöpft und ein leichter Zweifel machte sich breit. Er arbeitete für Daumen und Herzen, für Kommentare die seinem Ego schmeichelten, doch blieben diese aus und bekam er keine Aufmerksamkeit, dann spürte er eine kalte, unangenehme Leere in sich. Er flüchtete sich in Netflix-Serien und schaute diese im Binge-Modus auf seinem MacBook Pro. Frustriert stopfte er Schokolade und Chips in sich hinein und hoffte, dass der Sonntag bald zu Ende sein würde.
Wenn er so deprimiert auf seinem Bett lag, schweifte er oft gedanklich ab und hatte dabei ständig das Gefühl, dass jemand auf ihn wartete, er Termine einhalten müsste oder etwas zu erledigen war. Er wusste nicht, woher es kam, was die Ursache dafür war, aber er spürte tief in seinem Inneren wie es rumorte, ihn unruhig machte und er musste einige Mühe aufbringen, um es von dort zu verbannen. Nicht, dass dies irgendeinen Druck bei ihm auslösen würde oder ein schlechtes Gewissen, aber es war ein stetiger Kampf, der dann in ihm tobte und für eine leichte Anspannung sorgte. So wie er versuchte dieses Gefühl zu ignorieren, so verneinte er auch jede gesellschaftliche Verpflichtung und Verantwortung. Was interessierten ihn soziale Kämpfe oder demokratische Wahlen? Er glaubte an den manipulativen Einfluss einer neoliberalen Arbeitsmoral und verteidigte seine vermeintliche Freiheit und sein Recht auf Faulheit durch seine beiden einzigen Waffen: Ignoranz und Arroganz. Dies ermöglichte ihm, jeden von außen kommenden Impuls oder ein schlechtes Gewissen sofort zu blockieren, zu verneinen und am besten, zum Verursacher zurück zu spiegeln. Soziale Netzwerke halfen ihm dabei. Dort konnte er sich auf Dinge konzentrieren, die ihm mehr entsprachen, mit denen er seiner Individualität mehr Ausdruck verleihen und noch mehr Aufmerksamkeit auf seine Person und damit weg von jeglicher Verantwortung lenken konnte.
Durch Geschrei aus seinen Gedanken gerissen, blickte er wieder auf seinen Rechner. In der Netflix-Serie brannte gerade eine große, schwarze Limousine. Demonstranten protestierten gegen Nazis, weil diese wieder in das Parlament einzogen und Journalisten filmten qualmende und brennende Autos, weil sich diese gut in den News machen würden. Na ja, dachte er müde. Nicht, dass ihm die Serien sonderlich gefallen würden, aber sie waren nahezu perfekt, um einen Sonntag von ihm umkommentiert verstreichen zu lassen.