We The People – Geiz

2019
C-print, uv-print on passepartout, 60 x 50 cm

C. Rockefeller Center, Dresden

Er geizte nicht mit der Preisgabe seiner persönlichen Daten in den sozialen Netzwerken wie kalifornische, weltweit agierende Internetmonopolisten ihre Datenabschöpfungsportale euphemistisch nannten. All seine Likes und Kommentare, seine Adresse, die Fotos seiner Familie und Freunden waren für alle öffentlich einsehbar und zugänglich. Ihm war auch bewusst, dass alle seine Aktivitäten und die im Hintergrund laufende Speicherung seines Browserverlaufs, der Inhalt seiner E-Mails, Kalendereinträge, alle Audio-Files mit Sprachbefehlen, der Gebrauch der Ortungsdienste zu Bewegungs- und Nutzerprofilen zusammengefasst und in riesengroßen Rechenzentren gespeichert werden würden. Es war für ihn egal und so selbstverständlich wie die Selfies, die er bei Instagram hochlud. Es war kein Thema das ihn beschäftigte.
Er dachte lieber an die letzte Nacht und den neuen Club, den er super fand. Keine unnötigen Spielereien. Ein mittelgroßer Raum. Die DJ zentral, flankiert von zwei sehr modernen Laserprojektoren. Dazu eine Nebelmaschine. Fertig. Im Nebenraum eine kleine Bar mit kaltem Bier, Garderobe, Klo. Mehr braucht es nicht, dachte er. Er tanzte mit zweihundert Leuten in Richtung der DJ. Seit DJs Popstars sind, stehen alle in Reih und Glied und sehen aus wie Soldaten beim Fahnenappell. Nur das sie tanzen. Dass unter den Clubgängern jetzt auch eine gewisse Uniformität herrschte, wunderte ihn und ignorierte er gleichzeitig.
Wichtig für ihn war, dass er möglichst nah am DJ seinen Platz hatte. Der Sound war dort besser und er umging das übliche Gedrängel, wenn die Leute zur Bar oder zum Klo oder beides wollten. Mit seinem nunmehr dritten Bier stand er jetzt in der zweiten Reihe vor dem Pult. Der leicht aggressive Typ, dessen breite Schultern in einem zu engen, schwarzen New-York-Straight-Edge-Tshirt steckten, hatte sich endlich verpisst und er hatte den Platz, den er brauchte. Koks und MDMA hatte er heute nicht bekommen. Sein Dealer war krank oder auf einer anderen Party oder was auch immer. Er nahm sich vor, sich zu betrinken und war auf einem guten Weg. Er wusste, dass er mit seinem Drogenkonsum die Mafia finanzierte und es noch ein langer Weg bis zum Kokain in Bio-FairTrade-Qualität sein würde. Er sah es pragmatisch. Es war wie mit den kalifornischen Internetmonopolisten. Wenn man etwas haben wollte, musste man Kompromisse eingehen, auch wenn man damit nicht einverstanden war. Er beschloss, dass es angenehmer für ihn war, wenn er sich um beides keine Gedanken machen würde.
Die DJ kannte er gut und mochte ihren Sound. Er sah sie oft in düsteren Clubs zu sehr später Stunde. Sie spielte einen minimalen, konzentrierten, harten Techno. Wenn sie mal eine melodische Hook einbaute, war diese immer präzise gesetzt, zurückhaltend und perfekt für die Stimmung im Raum. Auf manipulative Gratifikationsaufschübe mit hereinbrechendem Drop verzichtete sie komplett. Er dankte Gott dafür, schloss seine Augen und ließ sich von der Musik treiben. Der repetitive und direkte Sound brachte ihn in eine kontemplative Stimmung. Es war ein stetiges Vorwärts. Er fühlte sich groß und einzigartig und glaubte die Welt würde ihn auch so sehen. Er im Zentrum des Clubs, wie ein Selfie, das alle ansehen und liken.