We The People – Hochmut

2019
C-print, uv-print on passepartout, 60 x 50 cm

C. Rockefeller Center, Dresden

Die letzten Selfies des Tages wollte er an einem Montagabend vom Neumarkt in Dresden posten. Der Ort war gut gewählt. Die barocke Kirche und die historisierenden Nachbauten einer nicht nur von den Einheimischen verklärten Vergangenheit, bildeten den perfekten Rahmen für seine tägliche Inszenierung. Wenn er schon wusste, dass Architektur zur Selbstdarstellung funktioniert, dann wussten es die Stadtplaner mit Sicherheit auch, als sie die zerstörte Frauenkirche wiederaufbauen ließen. Er schaltete sein iPhone XS Max ein und aktvierte die Frontkamera. 
Die Frauenkirche prägt nicht nur optisch das Stadtbild, dachte er. Ein Signature Building wie sie, ist iden­ti­täts­stif­tend und zeigt, dass Architektur sehr gutes Marketing sein kann: schnelle Wiedererkennbarkeit erzeugt Aufmerksamkeit und schafft Anreize und Sehnsüchte. Eine klassische Win-win-Situation für eine Stadt, die durch hohe Besucherzahlen höhere Einnahmen generieren kann und für ihn, der seinen vermeintlich kulturell versierten Followern mit einem Bild seinen Status mitteilt. Dass diese steinerne Werbebotschaft leider nicht an die Eleganz ihrer italienischen Vorbilder heranreichte, wusste und ignorierte er. Was sollte man auch erwarten, wenn Protestanten einen katholischen Stil imitieren. Egal.
Er kratzte sich am Kopf, rückte seine Sonnenbrille gerade und dachte an das augustinische Zeitalter Dresdens. Viel wusste er nicht darüber. Es hieß immer, dass es, obwohl feudalistisch, von einem recht fortschrittlichen Geist erfüllt gewesen sein soll. Er blickte auf die Häuser die den Platz definierten und sah nur die Imitation eines Gedanken. Eine bauliche Hülle die nur mit einer selbstgefälligen, kleinbürgerlichen Vergangenheitsseligkeit gefüllt war. Diese verlorene, vermeintliche Identität wird als etwas Statisches definiert und aus der langen, wechselhaften Geschichte wird ein Zustand ausgewählt und zu ihrem eigentlichen Wesen erklärt. 
Er erschrak kurz und war froh, morgen wieder abreisen zu können. Gott sei Dank war das alles nicht sein Problem. Er würde seine Bilder posten und hätte sicher tausende neue Likes auf seinem Konto. Leider störte eine kleine Schar älterer Männer mit pastellfarbenen Anoraks und vielen bunten Fahnen seine Aufnahmen, aber das würde er durch den richtigen Winkel und irgendeinen Filter gut kaschieren.