We The People – Neid

2019
C-print, uv-print on passepartout, 60 x 50 cm

C. Rockefeller Center, Dresden

Irritiert blickte er auf den OLED-Bildschirm des iPhone XS Max. Er überlegte kurz, ob er es ausschalten sollte, verwarf den Gedanken aber sofort nachdem er gedacht wurde und lachte kurz auf. Wut stieg in ihm hoch und versuchte sich auszubreiten. Er kannte das Gefühl, denn es kam häufiger vor. Verhindern konnte er das nur durch eine ausgeklügelte Atemtechnik, die er mit Hilfe seiner Mindfullness-App »Stop, Breathe & Think« gelernt hatte. Die Technik ist relativ simpel, aber man muss sie kontinuierlich trainieren. Man atmet für vier Sekunden tief ein und dann für sechs Sekunden wieder aus. Die gesamte Aufmerksamkeit und Konzentration richten sich für zehn Minuten auf die eigene Atmung und den Körper. Laut App ist man danach resetet und es sollen sogar Selbstheilungskräfte aktiviert werden.
Die Technik hilft ihm, seine cholerischen Wutanfälle in den Griff zu bekommen, doch leider hilft sie ihm nicht zu verstehen, warum sein ehemaliger bester Freund immer mehr Likes, Kommentare und Reposts bekommt als er. Wieso er mehr Follower hat, wusste er. Er war zu stolz, um das Spiel mit den gekauften Freunden mitzuspielen, auch wenn der Anblick der Zahl ihn eigentlich immer total aufregte. Natürlich versuchte er sämtliche geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie zu beachten: Regelmäßiges aber nicht zu häufiges posten. Link in der Bio. CTAs in Beiträgen. Taggen von Freunden. Likes, Stories, Kommentare, Reposts. Support von User-generated-Content. Hashtag-Apps wie »Tag O‘ Matic«, die ihm relevante, verwandte Hashtags zu seinen Vorschlägen generieren. Jegliche Möglichkeit der Interaktion nutze er, um so den Algorithmus der App für seine Zwecke zu manipulieren. In den Signature Look investierte er die meiste Zeit. Sein Feed sollte visuell konsistent sein. Wiederkehrende Elemente, gleiche Farbgebung und immer derselbe Filter sind Faktoren, die eine bildliche Homogenität ausmachen. Viel Arbeit und Energie, um eigentlich nur in absoluten Zahlen an seinem ehemaligen besten Freund vorbei zu ziehen. Er hatte lange versuchte die Freundschaft zu retten. Hatte sich entschuldigt, seine Zuneigung und Wertschätzung zum Ausdruck gebracht, doch sein Freund ignorierte ihn und seine Reue. Dass er diese tiefe und feste Verbindung so einfach aufgab, die viele Zeit und die vergangenen Jahre, verstand er nicht. Natürlich war es ein Fehler mit der damaligen Freundin seines besten Freundes eine anderthalbjährige Affäre zu haben, aber musste man deswegen gleich so überreagieren? Zumal sie, wie er rückblickend die Situation beurteilt, auch gar nicht so gut aussah und im Bett auch eher so mittel war.
Enttäuscht wandte er sich ab, wurde missgünstig. Verfluchte ihn mehrmals täglich und wünschte ihm den Tod. Er konzentrierte sich wieder auf seine Atmung, stürzte sich in Arbeit und verdrängte die Zurückweisung. Doch tief in seinem Unterbewusstsein hämmerte sein verletztes Ego einen ruhigen, monotonen, langanhaltenden Beat.