We The People – Völlerei

2019
C-print, uv-print on passepartout, 60 x 50 cm

C. Rockefeller Center, Dresden

Er liebte healthy Superfood. Allerdings nur, wenn es sich gut fotografieren ließ oder, wie er sagte, instagrammable war. Zu welcher Tageszeit er in die angesagten Restaurants der Stadt gehen sollte, stellte ihn jedes Mal vor ein kleines Dilemma. Zum Lunch boten sie ein kostengünstigeren Mittagstisch mit drei überschaubaren Gängen und er hatte nie ein Problem einen Platz zu bekommen, um entspannt zu essen. Doch sorgte das Tageslicht für ein gleichmäßigeres, in seinen Augen langweiligeres Foto seines Essens. Abends hingegen bekam man ohne Reservierung nie einen Tisch und die wirklich guten Läden waren auf Wochen ausgebucht. Dafür waren die hell-dunkel Kontraste stärker und schufen eine Dynamik, an die kein Instagram-Filter herankam. Natürlich wusste er, das jedes Foto mit seinem iPhone XS Max gut aussah, aber es waren eben feine Nuancen, die den Unterschied machten und mit denen man sich abheben musste. Also ging er oft abends in die upcoming Restaurants und wartete dort manchmal auch ein, zwei Stunden in der Schlange. Die Foodszene in seiner Stadt ist zwar klein, aber elitär und damit eines der besten Distinktionsmittel, dachte er.
Der dort angebotene Natural Wine schmeckte ihm nicht immer, das Essen war aber top und die Kombination der verschiedenen Zutaten awesome (er benutzte wirklich dieses Wort). Nach dem Essen trank er immer einen einfachen Espresso. Es war wichtig, dass der aus einer kleinen Rösterei aus unmittelbarer Nähe stammte. Nur in diesem Fall legte er Wert auf einen gewissen nachbarschaftlichen Support. Dass der Kaffee, wie so viele der gehypten Superfoods am anderen Ende der Welt, unter fragwürdigen Bedingungen angebaut und geerntet wurde, interessierte ihn dabei nur sehr peripher. Wichtig waren für ihn andere Dinge.
Die Hashtags, die er für seine Fotos benutzte, waren ausgeklügelt. Es war naheliegend, dass die populärsten die größte Verbreitung hatten und sich damit die Wahrscheinlichkeit erhöhte von vielen gesehen zu werden. Der Trick war dabei, zu wissen, wann die Hashtags ihren Zenit überschritten hatten, bevor es auch alle anderen wussten. Natürlich setzte er auch witzige und abwegige Hashtags unter seine Posts, aber das war eher seine kleine Spielerei, als eine durchdachte Strategie oder Notwendigkeit. Genauso wichtig wie das Foto war für ihn auch immer die Ortsangabe und in welchem Restaurant er gerade war. Das Beste war natürlich, im Urlaub seine Buddha-Bowls und Pintxos zu posten und dann den Ort, Vietnam oder San Sebastian oder was auch immer zu verlinken. Er redete sich ein, dass seine überwiegend vegetarische Ernährung die CO2-Emissionen seiner Flugreisen kompensieren würde. Doch wusste er auch, dass das eine Diskussion war, die in der letzten Zeit verstärkt aufkam und größer werden würde. Er entschied sich dafür, diese so lange es ging zu ignorieren.