We The People – Wollust

2019
C-print, uv-print on passepartout, 60 x 50 cm

C. Rockefeller Center, Dresden

Natürlich benutzte er Tinder, aber auch OKCupid, Badoo und noch einige andere Apps. Es war ihm egal mit welcher App er zu schnellem und einfachem Sex kam. Mal war die eine, dann die andere App wieder angesagt. Wer wusste das schon? Er hielt sich immer mehrere Optionen offen. Sicher ist sicher. Fetisch- und BDSM-Apps, wie KinkD und Whiplr waren allerdings nicht so sein Ding. Er fand, dass dort zu viele Freaks unterwegs waren, die alles nur kompliziert machten. Ganz oben in seinen Profilen stand immer »ONS only!«. Er liebte klare Ansagen und hatte keine Lust mehr, auf die sich ständig wiederholenden Geschichten, in denen er immer dieselben Anekdoten und die gleichen Witze erzählte. Dieses leere, um sich selbst kreisende Gerede und permanente Profilieren langweilten ihn inzwischen selbst, wie auch den Barkeeper seiner Stammbar, in der er sich mit seinen Dates verabredete.
Nervend wurde es für ihn, wenn er sich die Geschichten seiner potentiellen Story anhören musste. Job hier, Job da. Der blöde Ex, der sie verlassen hatte. Meistens für eine Andere. Kurze Zeit später Anmeldung bei Tinder und Co, um mal den »Marktwert« zu checken. Um zu schauen, ob man noch attraktiv ist und so. Nein, bist du nicht, wenn du weiter so einen Bullshit quatscht, nuschelte er dann oft in sich hinein und bestellte daraufhin immer einen Shot. Richtig schlimm wurde es aber, wenn sie auch noch auf der Suche nach einer festen Beziehung war oder nach ein, zwei Kindern. Wer so etwas suchte, sollte doch lieber einen Tanzkurs belegen oder sich bei Parship24 anmelden, dachte er. Früher ertrug er diese Geschichten noch, allerdings nur mit viel Alkohol. Er schaltete ab, ließ sie erzählen und nickte mal zwischendurch. Lächelte freundlich, bejahte irgendwas, schaute ihr tief in die Augen, lächelte noch mal, auch wenn er der Erzählung schon lange nicht mehr folgte. Er hoffte immer, sie hätte genau soviel Restlust wie er und sie würden endlich aufbrechen, bevor er zu müde oder zu gelangweilt war und nach Hause wollte.
Deswegen nur noch ONS, beschloss er. Wäre er ehrlich zu sich selbst gewesen, könnte er sich eingestehen, dass ihn das gesamte Ritual nur noch langweilte. Ob mit oder ohne Gespräch, schnellem oder langsamem Sex, eigentlich brauchte er den zweiten Teil der Nummer nicht mehr. Ihm reichte der potentielle Erfolg. Die Vorstellung, was möglich wäre, ohne die Anstrengung der zwischenmenschlichen Interaktion. Was ihn anmachte, war das kontinuierliche Aktualisieren, das Feilen an seinem Profil. Das Hochladen der neuesten Bilder mit den neuesten Posen. Er hatte ein Gespür dafür, welche Art der Bilder gerade angesagt waren, Begehren weckten und Matches erzeugen würden.
Die besten Apps waren die, wie er fand, mit einem Live-Radar. Man konnte sehen, wer sich gerade in der Nähe aufhielt. Inzwischen liebte er es, wenn er der Einzige in seiner Umgebung war.