We The People – Zorn

2019
C-print, uv-print on passepartout, 60 x 50 cm

C. Rockefeller Center, Dresden

Am Donnerstag wurde er ziemlich plötzlich und früh wach. Ob er schlecht geträumt hatte oder es ein Geräusch von der Straße war, konnte er nicht mehr sagen. Sein Tinder-Date hatte sich schon in der Nacht aus seiner Wohnung geschlichen, was für ihn völlig ok war, denn nichts hasste er mehr, als am frühen Morgen jemand Fremdes einen Kaffee anbieten zu müssen. Routiniert griff er mit halbgeschlossenen Augen nach seinem iPhone. Zuerst checkte er seinen Status, schaute nach neuen Likes und Kommentaren. Nichts. Er scrollte herunter und wieder hoch. Immer noch nichts. Er schloss die App und startete sie wieder. Keine Veränderung. Leicht irritiert, aber nun vollständig wach, richtete er sich auf, rückte sein Kopfkissen gerade und starrte erneut auf sein iPhone XS Max. Er überlegte kurz. Ihm wurde warm und ein, zwei Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er wartete fünf Minuten. Mit leerem Blick schaute er aus dem Fenster. Der Himmel strahlte blau, kleine, weiße Wolken bildeten einen schönen Kontrast. Das Haus auf der anderen Straßenseite war genauso grau wie die letzten einhundert Jahre. In einem Fenster sah er eine junge Frau bei ihrer Yoga-Routine. Ihr Freund frühstückte im Stehen und packte seine Tasche. Gleich würde er zur Arbeit gehen oder zur Uni oder sonst wohin. Egal.
Sein Blick wanderte wieder zum Himmel. Die Wolken hatten sich nicht bewegt und klebten auf dem blauen Hintergrund wie auf einer Collage. Der Wind hatte seine Arbeit eingestellt.
Das Telefon lag schwer in seiner Hand, schwerer als an anderen Tagen. Die metallische Härte widersprach seiner weichen Hand. Irgendwie hatte er das Gefühl, das nicht ganz klar war, wer oder was hier der Fremdkörper im Raum war. Das Display spiegelte sein Gesicht, spiegelte sein Bett und den ganzen Raum. Es hüllte die Gegenwart in ein diffuses schwarz, nicht greifbar, surreal, wie aus einer parallelen Welt. Er schaute auf die weiße Wand seines Zimmers, den Tisch und den Stuhl. Schaute auf seine rote Couch, auf der seine Klamotten lagen. Er hatte keine Erinnerung wie sie dort hinkamen.
Er blickte wieder auf seine Hand. Das Gewicht spürte er immer noch, ignorierte es aber dieses Mal. Er schaltete sein iPhone XS Max ein, schaute auf das Display und wartete, dass FaceID es entsperren würde. Der Home-Bildschirm leuchtete und war immer noch verriegelt. Er wiederholte die Prozedur, nun erfolgreich, öffnete die App, checkte seinen Status. Nichts.